Priester-Bild von David Mark auf pixabay

Wer oder was ist ein Guru?

Das Wort guru ist ein Adjektiv aus dem Sanskrit und bedeutet schwer¹. Als davon abgeleitetes Hauptwort ist guru in Indien eine Bezeichnung, die allgemein für Respektspersonen wie die eigenen Eltern oder der spirituelle Lehrer verwendet wird. Da das Sanskrit eine sehr konkrete und anschauliche Sprache ist, wird der Begriff guru besser greifbar, wenn man bedenkt, dass es auch eine Bezeichnung für den Planeten Jupiter ist, den schwersten Planeten im Sonnensystem. In den frühen vedischen Schriften ( = Rigveda) kommt den Planeten ein götterähnlicher Status zu, dabei gilt Jupiter-guru als der Lehrer der Götter.² Auf der Seite horoskop-paradies.ch wird die astrologische Bedeutung des Planeten Jupiter folgendermaßen charakterisiert:

Wachstum, Expansion, Optimismus, Selbstbewusstsein, Gerechtigkeit, die Suche nach dem Sinn des Lebens, Philosophie, Religion, das sind die Domänen des Jupiters. Grösse und Grosszügigkeit sind dabei die Kennzeichen. Entfaltung und Reife sind durch glückliche Lebensumstände möglich und verhelfen zum Menschsein im Ganzen.³

Bis heute gibt es in Indien eine Zeremonie, die sogenannte Cosmic Puja, wo man den Planeten insgesamt Verehrung erweist.4 Dieselbe verehrende Haltung bringt man auch der im Irdischen als guru bezeichneten Person entgegen. Diese Person, eben der Lehrer, ist für den religiös empfindenden Menschen ein lebendiger Ausdruck der von dem Planeten Jupiter repräsentierten positiven Eigenschaften.

Die Etymologie des Begriffs guru

Auf diese ursprüngliche, aus den Veden stammende Etymologie des Begriffs guru erfolgt etwas später, in der Advaya Tāraka Upaniṣad (verfasst etwa um die Zeitenwende), eine speziellere Begriffsdeutung, auf welcher die in Yogakreisen häufige Übersetzung des Wortes Guru als Lichtbringer beruht. In Vers 14-16 heißt es dort:

He is the ācārya, who is well-versed in the Vedas, who is a true devotee of Viṣṇu, who is devoid of spite, who knows Yoga, who takes his stand on Yoga, who always has his being in Yoga and is cleanly; who is full of devotion to his preceptor, who especially knows the Puruṣa; he who is possessed of these qualities is known as Guru. The syllable „Gu“ indicates darkness, the syllable „Ru“ means its dispeller. Because of the quality of dispelling darkness, the Guru is so termed.5

(Übersetzung, Alina: Der ist ein Lehrer, der die Veden kennt, der Viṣṇu, die selbsterhaltende kosmische Kraft, verehrt, der frei vom Bösen ist, der den Yoga kennt, der im Yoga gegründet ist, der mit seinem Bewusstsein immer im Yoga ruht, der rein ist, der seinerseits seinen Lehrer verehrt, der Puruṣa, das Höchste Selbst, kennt. Wer diese Qualitäten besitzt, wird Guru genannt. Die Silbe „Gu“ bedeutet Dunkelheit, die Silbe „Ru“ bedeutet ihre Vertreibung. Weil er die Eigenschaft besitzt, die Dunkelheit zu vertreiben, wird er Guru genannt.)6

Soviel zur Etymologie des Begriffs guru. Dass sich diese im ursprünglichen Wortsinn  positive Bewertung im deutschsprachigen Raum nicht hat entfalten können, dürfte zuallererst auf die Arbeit der Sektenreferenten der Katholischen und Evangelischen Kirche zurückzuführen sein. Man geht wohl nicht fehl, wenn man in den Reaktionen der Sektenreferenten auf so manche Neue Religiöse Bewegungen Projektionen sieht, die das Bild des Katholischen Priesters auf die aus dem Osten kommenden Lehrer spiegeln.7

Im Osten zeichnet sich der spirituelle Lehrer durch seine Kenntnisse über die Zusammenhänge, die den Menschen aus dem Dunkel der Unwissenheit befreien, aus und wer als ein Lehrender auftritt, muss sich an diesem Anspruch messen lassen. Es gibt keine Weihe oder Ordination, sondern ob jemand als Guru bezeichnet wird, entscheidet sich anhand seines realen Könnens und Erfahrungswissens. Im Westen besteht hingegen die ungefragte Autorität des Priesters rein aufgrund der empfangenen Priesterweihe. Nach dem Katholischen Katechismus kommt dem Priester nämlich eine Stellung zu, die zwischen Gott und Mensch liegt, und selbst wenn der Priester Kindesmissbrauch betreibt, wird dadurch, wenn man dem Katechismus Glauben schenkt, die Weihehandlung in der Eucharistie nicht befleckt.8 Die Katholische Kirche erwartet von den Gläubigen deshalb, dass sie die Autorität des Priesters nicht hinterfragen.

Der katholische Priester als Prototyp des Guru

Diese irrational devote Haltung, die dem westlichen Gläubigen in Hinsicht auf Kirche und Priestertum seit Jahrhunderten tief im Blute steckt, wird nun von der Berufsklasse der Sektenreferenten auf die Figur des östlichen Gurus projiziert – zumindest würde ich das so interpretieren. Somit ist im deutschen Sprachraum die Bezeichnung Guru auf dem religiösen Feld zu einem abwertenden Terminus geworden, der eine stigmatisierende Wirkung hat. Ähnlich wie der Begriff “Hexe” im Mittelalter, so sind es heute die Begriffe Guru und Sekte, die mit allen nur denkbaren negativen Bedeutungsinhalten angefüllt sind.

Der Leser möge sich deshalb meine Überraschung vorstellen, als ich plötzlich im Oktober 2018 zu meinem Beitrag über die Planung einer Ausstellung über Yoga folgenden Kommentar fand (ich habe ihn verständlicherweise bisher noch nicht veröffentlicht):

Sie sollten sich über Heinz Grill einmal besser informieren. Dann würden Sie ganz sicher keine Werbung mehr für ihn und seine Ideologie machen! Fragen Sie einfach bei Sektenbeauftragten der Kirchen oder der Polizei nach…

Auf meine Nachfrage an die Kommentatorin, eine Frau Marianne Buchmann9, was ich denn mit solch einem Hinweis anfangen solle, nannte sie mir neben einigen eigenartigen Zeitungsartikeln die Adressen des Sektenbeauftragten der Erzdiözese München-Freising, Axel Seegers, sowie die des Sektenbeauftragten der Münchner Polizei, Harry Bräuer. Dort würde ich nähere Informationen bekommen – nun das erwies sich als Flop, denn auf eine diesbezügliche Auskunft warte ich heute noch.

Die Falschbehauptung aber, dass es sich bei Heinz Grill um Sekte und um Ideologie handeln würde, ist nun, 6 Monate später, der Haupttenor in dem Artikel Der Guru in der Süddeutschen Zeitung vom 13./14. April 2019.10 Die Autoren wenden bei ihrer Meinungsmache das Prinzip der Dekontextualisierung an und schreiben folgendes:

Die Anklage im Fall des Doppelmords im südfranzösischen Ferienparadies umfasst 20 Seiten, nahezu auf jeder taucht der Name Grill auf: Ist er ein Guru, gar der Kopf einer Sekte? 

Erst täuschen, um dann zu vernichten

Indem wesentliche Sachverhalte weggelassen werden, gelingt es den Autoren, die Person von Heinz Grill in den Deutungsrahmen (Frame) “gefährliche Sekte” einzubinden. Dies ist eine gezielte Propaganda-Taktik, denn die wahren Zusammenhänge sind den Autoren bekannt. Im weiteren Verlauf des Artikels zitieren sie selbst aus dem Video¹¹, in dem sich die Witwe von Klaus O. zu den Umständen des Ermittlungsverfahrens im Zusammenhang mit dem Tod des Münchner Ehepaars Bornschein in Südfrankreich im Jahr 2015 äußert.

Cornelia O. berichtet in dem besagten Video, dass ihr Mann im Verdacht stand, ihre Eltern getötet zu haben und dass während des Ermittlungsverfahrens mehreren von ihm angebotetenen Entlastungszeugen widerrechtlich die Anhörung versagt wurde. Die Nebenkläger und Geschwister von Cornelia O. führten hingegen Belastungszeugen in das Verfahren ein, die gar nicht mit den Vorgängen im Zusammenhang standen. Ein solcher Belastungszeuge sei der Münchner Sektenbeauftragte der Polizei, Harry Bräuer, gewesen.¹² Über Harry Bräuer erfährt man im Internet, dass er bereits einmal versucht hat, einen Familienkonflikt zu instrumentalisieren, um Heinz Grill und anderen Personen eine kriminelle Tat anzudichten.13  Was zudem seine Fachkenntnis als “Experte” betrifft, so findet sich folgendes interessante Zitat über eine Informationsveranstaltung zu Scientology: 14

Die einfache Frage einer Zuhörerin beispielsweise, was denn Scientologen nun tatsächlich bei der Ausübung ihrer Religion so machen, reichte der Moderator der Veranstaltung etwas unüberlegt an Harry Bräuer weiter. Der freilich schaute, offenbar überfordert, so perplex, dass ein anderer Referent reflexartig seine Rolle übernehmen und die Situation mit dem Hinweis retten musste, man habe ja gehört, „wie schlimm“ die doch seien.

Seine Zeugenaussage, angefüllt mit “zahlreichen falschen Angaben”, wurde nun laut der Schilderung von Cornelia O. zum Anlass, dass die französischen Ermittler in der Anklageschrift gegen Klaus O. jeden von diesem benannten Entlastungszeugen als „Sympathisanten der Sekte von Heinz Grill bezeichneten.“11 Indem die beiden pseudo-investigativen Journalisten diesen wesentlichen Zusammenhang außen vor lassen und dann noch die suggestive Frage anschließen: “Ist (Heinz Grill) ein Guru?”, erzeugen sie eine perfekte Täuschung. Im Bewusstsein des Lesers bleiben schließlich die Worte hängen: Anklage-Doppelmord-Grill-Guru.

Sekten-Lüge und Kriegspropaganda

Nur wer sich in der Folge die Mühe macht, genauer hinzuschauen und sich auf der Basis weiterer Informationen ein eigenes Urteil zu den Sachverhalten bildet, wird sich von der in seinem Bewusstsein aufgenommenen Sekten-Lüge wieder befreien können.

Diese Art gezielter Täuschung ist in der Kriegspropaganda eine bekannte Methode. So ist beim sogenannten Tonkin-Zwischenfall 1964 ein amerikanisches Kriegsschiff auf provozierende Weise zu nahe an die Küste von Vietnam gefahren, anschließend hat Präsident Johnson behauptet, das Schiff wäre angegriffen worden und auf dieser Lüge hat man den Vietnam-Krieg mit den verheerenden Folgen von 3 Millionen toten Vietnamesen begonnen.15

Abschließend möchte ich sagen, dass ich bei meinem Besuch auf der Veranstaltung in Italien Heinz Grill erleben konnte, wie er nach dem Vortrag Bücher signierte. Es war eine sehr sympathische und unkomplizierte Nähe zwischen ihm und den interessierten Personen wahrnehmbar. Offenbar wollten die Journalisten sich keinen echten Eindruck bilden, sondern zogen es vor, sich mit diesem Beitrag zum Instrument einflussreicher Parteien zu machen. Dem Ruf der Süddeutschen Zeitung schaden sie damit allemal.

Textquellen und Anmerkungen:

(1) https://www.sanskrit-lexicon.uni-koeln.de

(2) https://www.hinduwebsite.com/hinduism/navagrahas.asp

(3) https://www.horoskop-paradies.ch/horoskop/jupiter.html

(4) http://www.shreemaa.org/worship-navagraha/

(5) zitiert aus: The Yoga-Upaniad-s, translated into English by T.R. Śrīnivāsa Ayyaṅgār, The Adyar Library, 1938.

(6) Die Begriffsdeutung „dispeller of the darkness“ lässt sich folgendermaßen aus dem Sanskrit erschließen: gu bezeichnet unter anderem die Erde (also das dunkle Element), während das Verb ru so viel heißt wie „brechen, in Stücke zerschlagen“. https://www.sanskrit-lexicon.uni-koeln.de

(7) siehe z.B. Georg Schmid, Kirchen, Sekten, Religionen, Theologischer Verlag Zürich, S. 343: „Seine Heiligkeit Maharishi Mahesh Yogi wird von seinen Anhängern unterwürfig verehrt.“ und auf S. 346 über Osho: „Seine Jünger waren…ihm kritiklos hörig.“ – Dass diese Wortwahl eines außenstehenden sogenannten Experten unsachlich und somit alles andere als professionell ist, wird im Vergleich mit authentischen Aussagen wie von Axel Burkart zu TM oder von Dietmar Behrendt zu Osho deutlich.

(8) Katechismus der Katholischen Kirche, 1997:

1584 Letztlich handelt Christus selbst durch den geweihten Diener und wirkt durch ihn das Heil. Dessen Unwürdigkeit kann Christus nicht am Handeln hindern.

1585 Durch die Gnade des Heiligen Geistes, die diesem Sakrament innewohnt, wird der Geweihte Christus, dem Priester, Lehrer und Hirten angeglichen, als dessen Diener er eingesetzt ist.

(9) siehe Anmerkung 1 im Beitrag Angriff auf die Schönheit

(10) Auf ganzen drei Seiten werden in diesem Artikel falsche Tatsachenbehauptungen über Heinz Grill verbreitet. Mit der Rubrik Angriff auf die Schönheit möchte ich zur Aufklärung über diese Falschbehauptungen beitragen.

(11) Interview: Sekte treibt Familienmitglied in den Tod

(12) Wer sich an dieser Stelle wundern sollte, dass die Polizei in Bayern die Stelle eines Sektenbeauftragten unterhält, tut dies zu Recht: Im Zuge des 1998 veröffentlichten Ergebnisses der Enquête-Kommission “Sogenannte Sekten und Psychogruppen” wurden mehrere Stellen staatlicher Sektenbeauftragter gestrichen. Nicht so in Bayern, obwohl das Resultat der Kommission war, dass von den untersuchten Gruppierungen keine Gefahr für das deutsche Volk ausgeht und dass der Begriff Sekte selbst eine negative Konnotation besitzt und daher von staatlichen Organen besser nicht verwendet werden sollte. Siehe auch: Hubert Seiwert, Der Staat als religiöser Parteigänger, in: Besier/Scheuch, Die neuen Inquisitoren, Teil 1, Edition Interfrom 1999, ISBN 3720152774

(13) http://selbstwerden.de/missbrauch-von-steuergeldern/, http://selbstwerden.de/einbruch-in-die-freiheit/

(14) https://religo.ch/2011/07/08/eine-merkwurdige-scientology-veranstaltung-hinterfragt/

(16) dargelegt in: Die Wahrheit über den Vietnamkrieg (Doku) Daniel Ellsberg und die Pentagon Papiere

Bildquelle (19-05-17): Priester – Bild von David Mark auf pixabay

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